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Note: Der letzter Brief von Richard, geschrieben 21.Febr. 1945 an seine Eltern, Fam. Hermann Klein, Stuttgart Wangen, Ravensburgerstr. 20/1. Absender Richard Klein, Marsch Kompanie; Ausbilder b. Abteil. der Panzer Ingenieur Schule, Milowitz bei Prag; 11b. Liebe Eltern, Heute will ich wieder einmal einen Brief schreiben da ich gerade während der Dienstzeit dazu Zeit habe. Soviel ich noch weiss, habe ich Euch in meinem letzten Brief geschrieben, dass ich von der Marschkompanie aus zu einer Nachbareinheit kommandiert wurde, zum Hausjockel und Lehrsaalwart. Nachdem ich nun schon über 8 Tage an diesem Platz bin, kann ich Euch mitteilen, dass es mir dabei recht gut gefällt. Jedenfalls könnte ich das Kriegsende hier abwarten. Mit Alarmen haben wir hier nicht zu viel zu verspüren, nur so ab und zu ertönt einmal die Sirene. In Prag ist es schon anders. Da wird öfters Voralarm und Alarm gegeben. Aber hier wo nur Soldaten liegen wird nur im äussersten Fall Unruhe ins Volk gebracht. Am Montag durfte ich eine Dienstreise nach Prag machen, und da ertönten die Sirenen auch, aber nur Voralarm, passiert ist nichts dabei. Ihr werdet denken eine Dienstreise nach Prag? Ja, beim Komiss darf man nicht einfach in den Zug sitzen und losfahren wollen, denn man könnte ja davongehen, und Prag ist immerhin eine Bahnstunde von hier entfernt. Man darf sich überhaupt nur im Standortbereich bewegen, und der ist nicht sehr gross. Es ist sehr schade, dass ich so wenig Gelegenheit habe in diese schöne Stadt zu fahren. Dort gibt es noch manche Möglichkeit einzukaufen, was man sonst nicht mehr bekommt. Mit dem Essen wäre es auch nicht so schlecht bestellt, denn mit ganz wenig Marken kann man auch als Soldat so nebenbei etwas zwischen die Zähne bekommen. Es ist komisch, dass man als Landser immer mehr ans Essen denkt als wie im Zivilleben, aber schon die Faulenzerei trägt dazu viel bei. Wenn man sich bei der Arbeit vergessen kann, dann vergisst man auch den Kohldampf. Allerdings muss ich sagen, dass es höchste Zeit wird, dass der Krieg ein Ende findet, denn wenn man so wenig zu Essen bekommt wie gegenwärtig der deutsche Landser, dann soll Soldat spielen wer will. Ich weiss natürlich, dass auch Ihr zuhause recht mager gehalten werdet, und deshalb muss dieser grausame Schwindel ein Ende finden. Oder soll tatsächlich jeder letzter deutsche Tropfen Blut vollends vergossen werden? Es ist ja furchtbar, wenn wie Gertrud in ihrem ersten Brief, der mich gestern erreichte, mitteilte, dass Ihr an einem Tage 13 mal Alarm gehabt hattet. Soll solche Nervenzermürbung noch lange von der Heimat verlangt werden? Wir fragen uns, und niemand gibt die Antwort. Gerade Euch älteren Leuten hätten wir Jungen so gerne einen schöneren Lebenabend gewünscht. Wahrhaft, Ihr habt Euch genug geschunden und geplagt, und ein solcher Krieg muss Euren Lebensabend noch so verbittern. Im Innern wünsche ich manchmal alles nur nichts Gutes dem, der daran Schuld trägt. Doch wer ist es? Wie Ihr gearbeitet habt, das habe ich bis jetzt überall wo ich hinkam verglichen mit der Leistung anderer Menschen in anderen Städten und Gauen. Ich kam dabei zu der Feststellung, dass wir Württemberger dumme Esel sind! Sorgt bitte dafür, dass Ihr Euer Leben über das Kriegsende hinausschlägt, wenigstens soviel Ihr dazu beitragen könnt, damit wir uns dann wiedersehen können. Zum Schluss lasst mich Euch herzlich grüssen in der Hoffnung, dass Ihr gesund seid, was ich von mir auch berichten darf. Auf Wiedersehen! Euer Richard. Herzliche Grüsse an Mina, Albert und Helmut. -------------------------------------------------------------------------- --------- Brief von Charlotte Besser and Richards Ehefrau Gertrud. Mitteilung des Todes von Richard. "Königsbrück, den 29.10.1945. Liebe Frau Klein! Nachdem nun die Grenzen im amerikanisch sowie britisch besetztem Gebiet für den Postverkehr geöffnet wurden, will ich sofort versuchen einige Zeilen an Sie zu senden. Ich bitte Sie mir den Erhalt des Briefs baldigst zu bestätigen, damit ich weiss, dass er richtig in Ihre Hände gelangte. Sie werden sich wundern von einer Ihnen völlig fremden Frau Post zu bekommen, Doch ich will Ihnen einiges Nähere über Ihren lieben Gatten mitteilen. Ob Sie von irgendeiner Seite schon Nachricht erhielten weiss ich nicht, doch bei dem damaligen Chaos ist es sehr leicht möglich, dass dies nicht der Fall ist. Am 8. Mai vormittags wurde Ihr Mann verwundet und in unseren Lazarettzug gebracht, wo ihm sofort ärztliche Hilfe zuteil wurde. Er kam in den von mir betreuten Wagen zu Fuss, trotz eines Lungensteckschusses. Ich habe die ganze Zeit, bis ich ihm die Augen schliessen konnte, an seinem Lager gesessen. Er starb am 9.5.1945 morgens ½ 6 Uhr. Bis zuletzt hat er von Ihnen und seiner baldigen Genesung gesprochen. Er hatte keine grossen Schmerzen, still und lächelnd schlief er am Morgen ein. Ich spreche Ihnen noch heute meine stille Anteilnahme aus und versichere Ihnen, dass Ihrem lieben Manne noch viel Not und Leid erspart blieb. In Kriegern / Sudetengau wurde er auf dem Heldenfriedhof zur letzten Ruhe gebettet. Unser Lazarettzug erreichte amerikanisches Gebiet nicht mehr. In tagelangen Kreuz-und Querfahrten durch die Tschechei bei Hunger und Durst, der vor allem die Schwerverwundeten sehr quälte, holte uns der Russe in Peaten ein. Das Pflegepersonal, welches bei unseren Soldaten noch verblieben war, geriet in Gefangenschaft. Was aus den Verwundeten geworden war, kann nur der erzählen, welcher es miterlebte. Ich selbst wurde nach Karlsbad gebracht und erst nach 14 Tagen, während dieser Zeit wir uns nur von Brennesseln und einer gebettelten Kartoffel nährten, konnte ich mit meinem Jungen den Heimweg antreten. Was dann noch kam, kann ich Ihnen garnicht schildern. Doch wo die Heimat ist, dahin zieht es einen mit Macht zurück. Einige Stücke meines Wohnungsinventars konnte ich noch retten, doch sonst ist alles weg. Noch haben wir aber ein Dach über dem Kopf, wenn sie nicht eines Tages dieses auch noch fortnehmen. Doch trösten wir uns, auch für uns scheint mal die Sonne wieder. Oft schon habe ich Ihrem lieben Gatten seine köstliche Ruhe geneidet und mich an seine Stelle gewünscht. Doch anderen Offiziersfrauen geht es ja noch schlimmer. Meine liebe Frau Klein, den Nachlass Ihres Gatten habe ich sofort dem Deutschen Roten Kreuz des Lazarettzugs ausgehändigt und denke, dass Sie vielleicht doch schon im Besitz desselben sind. Ich versichere Ihnen nochmals wärmste Anteilnahme an Ihrem schweren Verlust, doch können Sie noch immer stolz darauf sein, dass Ihr Mann für Deutschland bis zum letzten Tage kämpfen durfte. Ich grüsse Sie herzlichst unbekannt Ihre Charlotte Besser." Anmerk.: Königsbrück nordöstl. von Dresden.- Kriegern zwischen Karlsbad und Prag, etwa in der Mitte; heute tschechisch Kryry.
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